Angedacht

Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens. 1. Korinther 14,33


Es ist schon einige Jahrzehnte her, dass die rheinische Frohnatur Walter Scheel Bundespräsident war. 

Auf die Frage, wie er mit dem starren Protokoll zurechtkomme, dem er nun als höchster Repräsentant des Staates unterworfen sei, sagte er, dass er bereits als Außenminister die Vorteile der protokollarischen Regeln schätzen gelernt habe. Durch das strenge Protokoll wird zwar jeder einzelne Schritt auf dem diplomatischen Parkett genau vorgeschrieben, aber diese scheinbaren Einschränkungen tragen dazu bei, dass das Miteinander von Staaten mit ihren sehr unterschiedlichen Interessen geordnet abläuft und damit dem Frieden dient.

 

Für mich ist diese Antwort bis heute unvergessen geblieben. Sie ist ein anschauliches Beispiel für eine Weisheit, die auch die Bibel lehrt: Ordnung soll dem Frieden dienen. „Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens“, sagt Paulus im heutigen Andachtstext. Er hätte auch schreiben können: „Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern ein Gott der Ordnung.“ Das tut er aber nicht. Er will deutlich machen, worauf es Gott ankommt.

In Gottes Schöpfung hat alles seine Ordnung. Unordnung ist ein Zeichen des Verfalls. Wo nicht geordnet wird, entstehen Unfrieden, Ungerechtigkeit und Leid für die Schwachen. Das will Gott nicht, denn er ist kein Gott der Unordnung. Und doch geht es ihm niemals ausschließlich darum, für Ordnung zu sorgen. Sie ist nicht der höchste Wert. Man kann auch um der Ordnung willen Unfrieden erzeugen, unter Berufung auf die Ordnung Menschen tyrannisieren und dadurch alles Leben ersticken. Dann hat zwar alles seinen gewohnten Platz, aber nichts wächst, verändert und entwickelt sich. Gott hat immer ein höheres Ziel: den Frieden, die Freude, die Liebe und das Leben. Im Mittelpunkt seines Interesses steht nicht die Ordnung, sondern der Mensch.


Im Umgang miteinander brauchen wir Konventionen. Wir brauchen Regeln und Abläufe, die wir gemeinsam akzeptieren. Wie Ehrlichkeit und Verlässlichkeit sind auch sie Bausteine des Friedens. Aber bei Gott zählt nicht die Einhaltung äußerlicher Formen oder Gewohnheiten, sondern die Gesinnung, mit der wir dem anderen begegnen. Er ist nicht ein Gott der Ordnung, sondern der Gott der Liebe (vgl. 1 Joh 4,16). 

 

Lothar Wilhelm


© Advent-Verlag Lüneburg mit freundlicher Genehmigung (http://www.advent-verlag.de)